Ein Reych mit einer ungewöhnlich zähen Geschichte
Molhusia war der Name des Schlaraffenreyches in Mühlhausen — jedes Reych führt einen solchen Namen, meist die lateinische Form des Ortes. Was von seinen vier Jahrzehnten überliefert ist, steht hier.
Am 28. Januar 1922 wurde in Mühlhausen in Thüringen das Schlaraffenreych Molhusia gegründet und erhielt im weltweiten Bund die Nummer 224. Mutterreych war die Strelasundia in Stralsund, die Reychsfarben waren Schwarz-Gelb. Damit reihte sich Mühlhausen in eine dichte Thüringer Landschaft ein: Erforda in Erfurt, Vimaria in Weimar, Geraha in Gera, Gotaha in Gotha, Nordhusia in Nordhausen und Ysenaha in Eisenach.
Was 1937 geschah — und was danach kam
1937 wurde die Schlaraffia in Deutschland verboten. Die meisten Reyche verschwanden, viele für immer. In Thüringen überstanden nur wenige diese Zeit; überliefert sind Vimaria, Geraha, Ysenaha, Nordhusia — und die Molhusia.
Der wohl bemerkenswerteste Beleg dafür stammt aus dem Jahr 1950. Damals trafen sich Thüringer Schlaraffen in Weimar zur „Kombinierten Auferstehungssippung der Thüringer Reyche". Es war ein Signal an das gesamte Uhuversum: In der DDR gab es weiterhin Schlaraffia, deren Sassen zwar ohne Aufsehen, aber ungestört nach dem Spiegel sippen konnten. Vertreten waren Erforda, Geraha, Gotaha, Chemnitzia, Nordhusia, Vimaria — und die Molhusia gemeinsam mit der Ysenaha aus Eisenach.
Die fünfziger und sechziger Jahre
Aus der Chronik der Nordhusia lässt sich ablesen, wie lebendig das Mühlhäuser Reych in dieser Zeit war. Mühlhäuser Sassen ritten regelmäßig in die Nordhusia ein, gemeinsam mit Freunden aus Vimaria, Erforda und Ysenaha. Am 7. Mai 1960 waren sie beim Ritterschlag in der Nomen-Notburg dabei, 1961 bei einer Großsippung, zu der Lipsia, Nordhusia, Vimaria, Gotaha, Ysenaha und Geraha zusammenkamen.
Wann das Reych Molhusia erlosch, ist nicht überliefert. Die letzten gesicherten Spuren führen in die frühen sechziger Jahre. Irgendwann danach wurde in Mühlhausen nicht mehr gesippt.
Was davon bleibt
Vier Jahrzehnte schlaraffisches Leben in einer Stadt, die dafür gute Voraussetzungen mitbringt: eine alte freie Reichsstadt mit Mauerring, Marienkirche und einem Rathaus, in dem seit Jahrhunderten Menschen zusammenkommen. Und eine Nachbarschaft, die denselben Weg schon einmal gegangen ist — in Eisenach, vierzig Kilometer weiter, kehrte die Schlaraffia 2023 nach sechsundachtzig Jahren zurück.
Die Angaben zu Nummer, Gründungsdatum, Mutterreych und Reychsfarben stammen aus dem Verzeichnis erloschener Reyche; die Schilderung der Nachkriegsjahre folgt der Chronik des Reyches Nordhusia. Wer weitere Unterlagen, Bilder oder Erinnerungen zur Molhusia besitzt, möge sich bitte melden — wir nehmen sie gern auf.
Geschichte der Schlaraffia
Molhusia war ein Reych unter vielen. Die folgende Darstellung gilt für den ganzen Bund und erklärt, in welche Bewegung sich Mühlhausen damals einreihte.
🦉 Schlaraffia in Zahlen: Gegründet 1859 · Über 200 Reyche weltweit · 5 Kontinente · Eine Sprache · Eine Gesinnung: Humor, Freundschaft und Kunst.
Die Wiege: Prag, 1859
Es begann mit einer Handvoll Künstler und Intellektueller im Prag des Jahres 1859. Schauspieler, Dichter, Maler – Menschen, die die Schwere der Zeit für einige Stunden ablegen wollten, um gemeinsam zu lachen, zu spielen und Freundschaft zu pflegen. Sie nannten ihre Runde schlicht: Schlaraffia.
Der Name war Programm: Das sagenhafte Schlaraffenland, jenes Land der Leichtigkeit und Freude, sollte für einige Stunden real werden. Kein Standesdenken, keine Hierarchie des Alltags – nur Spiel, Humor und Kunst.
Das Spiel breitet sich aus
Die Idee sprach sich schnell herum. Schon bald entstanden weitere Reyche in anderen Städten des deutschsprachigen Raums: Wien, Berlin, Hamburg, München. Mit der deutschen Auswanderungswelle im 19. und frühen 20. Jahrhundert wanderte die Schlaraffia mit in die Neue Welt.
New York, Buenos Aires, São Paulo – überall dort, wo deutschsprachige Einwanderer eine neue Heimat suchten, gründeten sie auch einen Schlaraffen-Reych. Das Band der gemeinsamen Sprache und des gemeinsamen Spiels hielt sie zusammen – über alle Entfernungen hinweg.
Schlaraffia überlebt die Stürme der Geschichte
Zwei Weltkriege, politische Umwälzungen, Verbote – Schlaraffia hat vieles überlebt. In Deutschland und Österreich wurde die Vereinstätigkeit in den Kriegsjahren eingeschränkt oder unterbunden. Doch kaum war Frieden, lebten die Reyche wieder auf. Dieser Überlebenswille ist kein Zufall: Wo echte Freundschaft herrscht, findet sie immer einen Weg.
Besonders bemerkenswert: Während in Europa manches Reych temporär pausierte, lebte die Schlaraffia in Übersee ungebrochen weiter. Die Allschlaraffia – der weltweite Dachverband – sorgte für Zusammenhalt und Kontinuität.
Die Allschlaraffia – weltweiter Zusammenschluss
Alle Schlaraffen-Reyche der Welt sind in der Allschlaraffia zusammengeschlossen. Dieser Dachverband regelt die gemeinsamen Spielregeln, vergibt Reychs-Nummern und stellt sicher, dass ein Schlaraffe aus Tokyo bei einer Sippung in Frankfurt sofort zuhause ist.
Die Allschlaraffia hält damit etwas aufrecht, das in der modernen Welt selten geworden ist: Eine Gemeinschaft, die auf Werten gründet – nicht auf Profit oder Networking. Humor, Freundschaft und Kunst sind keine leeren Worte, sondern gelebte Praxis bei jedem Treffen.
Und heute?
In Mühlhausen wird nicht mehr gesippt. In der Nachbarschaft schon — und wenn sich hier genug Menschen finden, ist auch hier nicht alles gesagt.